Maratona 2013

Maratona dles Dolomites 2013

Donnerstag, 27.Juni 2013: Auch nur ein Berg …

giauFür heute ist eine intensivere Einrollrunde geplant, schließlich gilt es auch zum ersten Mal das neue Material auf „richtigen“ Anstiegen zu testen. Ich bin dann mal mutig und verordne mir direkt mal die Höchstdosis: den Passo  Giau. Pöh, Wenn ich da am Sonntag hoch will, dann muss das auch heute zu schaffen sein. Das Wetter ist zum Start (noch) okay, ein paar Wolken und nicht zu warm. Also los und locker von Badia über Corvara auf den Campolongo. Die ersten Kurven am Ortsausgang von Corvara sind für die ungewohnte 2-fach Kurbel schon recht happig. Aber im weiteren Verlauf zum Golfplatz wird der runde Tritt gefunden und es geht recht flüssig weiter. Nach kurzem Stop am Pass geht es auf zügige Abfahrt nach Arabba. Auch hier macht das neue Material einen guten Eindruck und man kann schön laufen lassen.

giau2Bis Cernadoi, hier ist am Sonntag die Gabelung der mittleren und große Runde, geht es sehr zügig. Hier wird dann auch gar nicht lange gefackelt und und es geht weiter zum Giau. Alter Falter, zu Anfangs ganz schön knackig. Wie gut, dass ich dann hinten noch die Rentersteighilfe montiert habe. Das Schaltwerk wandert jedenfalls recht zügig zum Anschlag des 30er Ritzels. Und da bleibt es auch die meiste Zeit. Bei (noch) angenehmen 23-25° in der Sonne geht es Kehre um Kehre mit Durchschnittlich 9,3% auf den 2.236 Meter hohen Passo Giau. Auf den letzten Metern weht mir schon ein heftig frischer Wind entgegen und die Wolken haben auch schon eine bedrohliche Zeichnung. Der Aufwärm-Cappuccion wird besser in der Hütte genommen. Das sagen sich auch alle anderen Radler: draußen gähnende Leere – drinnen rappel voll. Es läuft auf eine Druckbetankung im Stehen an der Theke hinaus. Wieder draußen ist nochmal merklich kühler und die Wolken dichter geworden. Also alles Verfügbare überziehen und fertig zur Abfahrt.

Nach ein paar Kehren und ungefähr 3 Kilometern fängt es auf einmal auf dem Helm an zu klickern: Hagel. Dieser wird immer heftiger und die Temperatur sinkt auch rapide ab. Ich suche mir erstmal eine dichte Tanne und stelle mich mit entsprechender Laune unter. Die Hagelkörner tanzen auf dem Asphalt und ein Blick auf den Fahrschreiber zeigt nur noch eine Ziffer bei der Temperaturanzeige: 7°. Nach einer gefühlten Ewigkeit, es müssen so 20 Minuten gewesen sein, entschließe ich mich zur Weiterfahrt. Mächtig unterkühlt geht es mittlweile im Regen die restlichen 6 Kilomter runter nach Pocol. Hier stehen reichlich ratlose Radler, denn von hier sind es zurück über den Falzarego und Valparola über 700 Höhenmeter und mindestens 23 Kilometer zurück in die Zivilisation. Ich verziehe mich in das nur einen Steinwurf entfernte Sporthotel und bin nich allein. Hier suchen rd. 20 Radler unterschlupf. Der Wirt verteilt warme Decken und schenkt reichlich Heißgetränke aus.

Das Taxi soll 80 Okken kosten – mit Nachverhandlung 70. Nee, iss klar. Ich lasse mich von Martina mit dem Auto abholen …
Ende der Einrollrunde: 62,24 km | 1802 hm | 3:47,22 h | Ø 16,42 km/h

Fazit: der Giau ist auch nur ein Berg. Oder doch ein Monster?

Freitag, 28. Juni 2013: Nur mal eben …

Eigentlich wollte ich heute noch locker die Sella-Runde fahren, aber habe von gestern noch reichlich die Nase voll. Das Wetter ist aber ideal und ein paar Meter müssen auf jeden Fall abgerissen werden. Also wenigsten einen Pass fahren und ab zum Campolongo. Oben ist mal wieder reichlich Trubel und auch aus Richtung Arabba komme zahlreiche Radler hoch. Dann wird es plötzlich etwas unruhig und lautes Klatschen wird durch „Avanti“, „Go, Go, Go“ und mehsprachige Anfeuerungsrufe begleitet: Alex Zanardi zieht recht flott auf seinem Handbike vorbei. Er dreht wohl auch mal eben eine kleine Trainingsrunde. Da kann man nur seinen Hut ziehen. Was ich und viele andere auch eher schlecht mit den Beinen drücken, kurbelt er recht entspannt mit den Armen. Respekt!

Nach einer ausgedehnten Pause geht es dann auch wieder zurück nach Badia.
Das waren dann mal eben 29,89 km | 595 hm | 1:30,42 h | Ø 19,77 km/h

Samstag, 29. Juni 2013: Nix mehr zu retten …

Heute noch trainieren bringt nix mehr und somit ist Ruhetag und Schonung angesagt. Mit Olaf geht’s zur Pastaparty, die nicht sehr gut besucht ist. Auch auf dem Expogelände ist der Andrang überschaubar. Wer sich jetzt an den Stände rumtreibt, der sucht nach etwas wärmere Kleidung.
Olaf versucht übrigens auch noch eine paar Beinlinge zu organisieren, aber da ist nix mehr zu machen. Könnte sein, dass sich die Wettervorhersage für das Rennen rumgesprochen hat. Die Info-SMS von Datasport sagt jedenfalls: „… Schönes Wetter und tiefe Temperaturen vorhergesagt. Geeignete Bekleidung ist vorgeschlagen …„. Häh, mit „ungeeigneter“ Kleidung wird bestimmt keiner fahren. Was soll das heißen?
Am Abend wird dann alles brauchbare Zeug rausgelegt. Wenn am nächsten Morgen der Wecker klingelt, dann wird entschieden.

Sonntag, 30. Juni 2013: Hoch und tief – mit Harmonie …

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04:30 Uhr: der Wecker klingelt. Hallo, es ist Sonntag und ich habe Urlaub. Warum tue ich mir das eigentlich an? Weil ich tierischen Bock drauf habe, wie über 9000 andere Frühaufsteher auch. Also ab auf den Balkon. Die Morgendämmerung nimmt ganz zaghaft Fahrt auf, in zahlreichen Fenstern der Umgebung ist schon Licht in den Zimmern an. Ein Blick auf das Thermometer lässt mich mit dem ersten „Tief“ leicht frösteln: 2° Grad – zum Glück im Plus. Aber ein Minuszeichen davor würde jetzt auch nicht viel schlimmer sein. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es heute nicht wirklich optimal laufen wird.

Das Frühstück fällt eher spärlich aus, um diese Uhrzeit geht noch nix. Der Kaffee wird per Druckbetankung vernichtet und das Brötchen geht dann auch irgendwie runter. Unsere Tischnachbarn glänzen schon mit der vollen Montur. Hier hat man sich total bunt mit der aktuellen Kollektion eingekleidet. Die roten Arm- und Beinlinge sind zur blauen Hosen-/Trikotkombi und recht üppigen Körperbau recht gewagt.

Beim Kleidungssetup läuft es angesichts der aktuellen Lage, Sven Plöger würde sagen „… für die Jahreszeit zu kühl…“, also auf die worst-case-Variante hinaus: zum Start komplett in Lang. In die Startaufstellung sind es in diesem Jahr von Badia aus ja ein paar Meter, dann kann man sich schön warm fahren. Nur dumm, dass man dann auf dem Sammelplatz sehr schnell wieder auskühlen wird. Ich fahre daher recht spät los.

Der Platz ist schon sehr gut gefüllt, ich finde ungefähr in der Mitte ein freies Plätzchen. Am Himmel kreisen wie gewohnt die Hubschrauber von Rai3 und der sonstigen Presse. Die Sonne strahlt immer mehr die umliegenden Berge an. Nicht nur zahlreich mit Schnee bedeckten Gipfel passen nicht zu einem Sommermorgen: Das Thermometer zeigt, jetzt immerhin schon, 4° plus. Das internationale Publikum wartet mit interessanten Kleidungskombinationen auf: Rettungsdecken aus dem Verbandskasten, PVC-Ponchos, uralte Wollpullis. Weit verbreitet sind Einweg-Maleroveralls und die im Starterbeutel enthaltenen langen Montagehandschuhe.

Pünktlich um 06:30 Uhr ertönt der Startschuss, begleitet von einem lauten Donnerknall. Und es passiert erstmal nix. Dann kommt auch irgendwann Bewegung in die dritte Startgruppe und im Schneckentempo geht es Richtung Startlinie. Um 06:45,53 Uhr macht es Piep und auch ich rolle endlich über die Startlinie.

Bis Corvara geht es noch dicht gedrängt, aber weitestgehend mit Harmonie, voran. Die Übermotivierten aus der letzten Startgruppe, die sich rücksichtslos durch die Menge nach vorne drängen müssen, bleiben aber natürlich nicht aus. In den ersten Kurven zum Campolongo kommt es ohne ersichtlichen Grund häufig zum Stocken und teilweise fast zum Stillstand. Die, die nicht aufpassen nehmen eine Bodenprobe. Wie ich später von Olaf erfahre, der ist in der letzten Gruppe gestartet, war es weiter hinten wohl nicht anders. Irgendwann klappt es dann aber auch mit dem runden Tritt und spätestens ab dem Golfplatz kann ich ohne weitere Störungen mein eigenes Tempo fahren. Oben am Pass halte ich mich nicht lange auf, Buff vor den Mund, Windjacke überwerfen und im Tiefflug runter nach Arabba.

Passo Pordoi klappt in diesem Jahr eigentlich recht gut. Wie in jedem Jahr fasziniert der Blick zurück nach unten: wie Ameisen schlängeln sich zig Tausende durch die Serpentinen, was bei Luftaufnahmen noch intensiver rüber kommt. Oben wie gehabt, nicht lange aufhalten und wieder runter. Die rasende Abfahrt überrascht mit einer plötzlich auftauchenden Gefahrenstelle: mitten in einer Kurve fließt ein fettes Rinnsal über die Straße, aber die Streckenposten rechtzeitig und gut abgesichert. Hätte mit plötzlich auftretendem Glatteise schlimmer kommen können.

Bei der Verpflegung zum Sella mach ich zum ersten Mal Pause, fülle die Pullen auf und essen auch ein paar Happen. Auch die Weiterfahrt zum Sella (eigentlich mein Hass-Pass) geht in diesem Jahr erstaunlich gut. Aber das bilde ich mir vielleicht auch nur ein.

Dann kommt der Grödner, ich liebe diesen Pass. Allerdings sind die Beine auf dem Zwischenflachstück recht müde. Die letzten Höhenmeter werden aber recht flüssig absolviert. Die Abfahrt nach Corvara macht wie immer mächtig Spaß. Im Zielgebiet geht es dann ohne zu Zucken weiter geradeaus auf die Fortsetzung.

Die zweite Runde zum Campo funkt jetzt irgendwie gar nicht. Das ständige Tief der Temperatur beim Downhill, dann wird es hoch wieder warm, Klamotten an – Klamotten aus, Arm-/Beinlinge hoch und wieder runter. Das geht mir bisher richtig auf den Pinn. Fahren in lange Klamotten war noch nie mein Ding und dann noch dieser ständige Wechsel. Jetzt habe ich eigentlich schon beschlossen, dass es heute nur die mittlere Runde wird. Hinter Arabba auf dem eigentlich recht schnellen Abschnitt nach Cernadoi läuft es dann auch nicht richtig. Eine zuerst vielversprechende Gruppe findet keine Einigung und das Tempo wechselt ständig. Die Sonne knallt mittlerweile recht anständig. Der letzte Stich kurz vor der Streckentrennung brennt richtig in den Beinen. Die dickeren Klamotten werden jetzt verstaut bzw. überall um den Rahmen gewickelt. Jetzt ist mir endgültig klar: mittlere Runde. Mit diesem Entschluss geht es ohne Stress auf dem Falzarego weiter. Der Valparola ist dann zum Schluss noch recht heftig. Da geht auf die letzte rasante Abfahrt. Aber von wegen „richtig laufen lassen“: Der Straßenzustand ist eine absolute Frechheit. Schlaglöcher ohne Ende, alle paar Meter tiefe und breite Risse kreuz und quer. Keine Ahnung, warum der Veranstalter solch gefährliche Stellen nicht beseitigt hat, denn hier werden sehr hohe Geschwindigkeiten gefahren. Nach heftigen Einschlägen habe ich richtig Angst um mein Material und fahre absolut defensiv. Fast schon ein Wunder, dass ich ohne Defekt da runter bin.

Die Ziellinie wird dann um 14:07,51 Uhr überfahren, was konkret bedeutet:
Fahrzeit 7:21.57,2 | Durchschnitt 14,390 km/h | Rang Gesamt 2413 | Rang Kategorie 434.

Olaf ist zu diesem Zeitpunkt schon lange im Ziel, er hat nach der kleinen Runde den Weg über die Ziellinie gewählt.
Seine Daten für die 55 km: Fahrzeit 3:43,03 | Rang Gesamt 525 | Rang Kategorie 90

Ach so, da fehlt jetzt nur noch die Auflösung der Gleichung: Für die 105 km Harmonie verteilt auf 3090 Höhenmetern war eine Verbrennung von 5655 Kalorien erforderlich.

Der Countdown läuft bereits, am 6. Juli 2014 sehen wir uns wieder. www.maratona.it

Impressionen der Harmonie

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